"Gazeta Wyborcza", Juni 2002
Ausschnitt aus einem Gespräch, das Roman Pawlowski mit dem Dramatiker Tankred Dorst, dem künstlerischen Leiter der Bonner Biennale 2002 im Rahmen des Festivals führte.

"Helvers Nacht" von Ingmar Villqist in der Inszenierung von Zbigniew Brzoza (Teatr Powszechny, Warschau) mit Krystyna Janda und Slawomir Pacek


Roman Pawlowski:
Was halten Sie von dem Theaterstück „Helvers Nacht" von Ingmar Villqist, das in diesem Jahr die polnische Dramatik bei der Bonner Biennale repräsentierte?

Tankred Dorst:
Ich war von dem Stück und seinen Darstellern sehr beeindruckt. Die Schauspieler waren großartig. Die Vorstellung wurde begeistert aufgenommen. Man kann natürlich sagen, dass die Art, die Geschichte zu erzählen, nicht neu ist,
aber mir hat´s gefallen.

Villqist berührt in seinem Drama das Thema Totalitarismus. Wie wird dieses Thema im geschichtlichen Kontext in Deutschland aufgenommen?

Bei der Diskussion nach der Aufführung wurde gesagt, dass es ein Theaterstück über die „Kristallnacht“ sei. Meiner Meinung nach bezieht sich das, worüber Villqist schreibt, nicht nur auf den Nazismus. Überall findet man Menschen, die blind der Macht der Gewalt vertrauen. Mich interessierte aber nicht nur der „Plot“, sondern auch die Art, wie er vom Autor erzählt wurde. Im ersten Teil des Dramas wird Karla von Helver psychisch gefoltert und vom Publikum bemitleidet. Danach wird der Spieß umgedreht; dann ist sie diejenige, die den Jungen psychisch quält, und die Sympathien der Zuschauer richtet sich auf Helver. Diese Situation ist sehr intelligent geschrieben - die gleiche Geschichte von zwei Blickpunkten aus gesehen.

 

Bonner Rundschau, 15.06.2002

"Helvers Nacht" aus Polen setzt mit Krystyna Janda einen ersten
Biennale-Höhepunkt
Vom Fahnenschwinger zum Opfer

Von H.-D. Terschüren

Bonn. In der Halle Beuel wird die Aufführung von "Helvers Nacht" des Polen Ingmar Villquist von einem großen Fenster beherrscht. Auf dem Höhepunkt der unspektakulären Studie zum Faschismus fliegt ein Stein in das verwohnte Zimmer von Karla und Helver, das beim Biennale-Gastspiel des Warschauer Teatr Powszechny mit Tisch, Stühlen, Kohleherd und Anrichte ausgestattet ist (Barbara Hanicka).
Von draußen dringt der Lärm von Aufmärschen herein, während Karla mit dem Essen auf Helver wartet. Der kommt polternd, einfältig lärmend und eine Fahne schwingend die Treppe herauf ins Zimmer.
"Irgendwo im Norden", hat im Interview der Autor als Ort der Handlung angegeben, wie er sich ja auch selbst mit seinem Pseudonym vom "Norden" (Ingmar Bergman) fasziniert gibt. Es könnte tatsächlich eine Spielart von skandinavischem Faschismus sein, keine totalitäre Staatsform, eher etwas, das spielerisch beginnt und dann in Gewalt und Tod umschlägt. Eine Weile denkt man bei den beiden Figuren an Mutter und Sohn, wozu auch das Ende gepasst hätte: Sie bringt den geistig Zurückgebliebenen mit einer hohen Dosis Tabletten um, als sie weiß, dass man ihn holt. Aber spannend machen der Autor und auch Regisseur Zbigniew Brzoza das Stück durch die verzögerte Aufklärung der Beziehung zwischen beiden.
Erst nach und nach erfährt man, dass sie den Mann bei sich aufgenommen hat. Es ist eben kein Staatsfaschismus, keine Euthanasie-Geschichte, nichts Deutsches. Wohl geht es auch hier letztlich um Aussonderung des vermeintlich "Unwerten". Diese Umstände lassen die Polen sehr eindrucksvoll mehr ahnen als spielen.
Die bedeutende Wajda-und Kieslowski-Darstellerin Krystyna Janda (auch bekannt aus Istvan Szabos Gründgens-Gleichnis "Mephisto") spielt die Zuneigung wunderbar einfach, in großer Zurückgenommenheit, Slawomir Pacek war eindrucksvoll erst Mitmarschierer und dann Opfer. Das Publikum spendete enthusiastischen Beifall.